"…diese Gegenstände, so wie sie sind, dem Leser überreichen"
Stoff- und Materialpräsentationen in der Pop-Literatur der 60er Jahre


7.-9. Oktober 2005
Villa Oppenheim
Schloßstraße 55, 14059 Berlin-Charlottenburg

Tagung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 626 "Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste" der Freien Universität Berlin
Organisation: Gert Mattenklott und Dirck Linck


Nicht "Meister über das Material" wolle er sein, schreibt Thomas Meinecke, sondern "die Dinge selbst zum Sprechen" bringen: "Ich brauche sie noch nicht einmal unbedingt ganz zu verstehen, um sie zu Papier zu bringen. Ich kann einfach begeistert sein und denken: Das ist es jetzt im Moment."

In Fundstück-Ästhetik und Gegenwarts-Emphatik der 60er Jahre ist diese Haltung präfiguriert, in Äußerungen von Hubert Fichte, Rolf Dieter Brinkmann, Peter O. Chotjewitz u. a. wurde sie programmatisch vorformuliert. Dem Vorwurf der "Formlosigkeit" sind die Arbeiten dieser Autoren, die Stoffe und Materialien zwar auf spezifische Weise kontextualisieren und in ihrem Oszillieren zwischen Ding- und Zeichenhaftigkeit zur Erscheinung bringen, aber eben nicht "bewältigen" wollten, trotzdem nicht entgangen.

Das Mißtrauen gegen das durchformte Kunstwerk und gegen das Pathos der "Erfindung" gehört als ästhetisch-politisches Movens wie die Bewegung mit der Richtung auf vorgefundene Materialien und die Hinwendung zu den aufmerksam wahrgenommenen "Dingen" des Alltags von Anfang an zu den Kennzeichen jener kulturellen Phänomene, die unter dem Label "Pop" verhandelt werden. Pop propagiert das "arme" Werk, das emphatisch die "Abfälle" der Medien- und Industriegesellschaft darstellt, sie zugleich in Gebrauch nimmt und dabei mit den Ambivalenzen von Anti-Form und Form spielt. Die Praktiken des Zeigens, Sammelns, Hinstellens, Ausbreitens von Materialien werden ästhetischen Objekten, über denen Erfahrung sich entfaltet. Der Versuch, Materialien sich ereignen zu lassen, und die kontextuellen Rahmungen dieser Präsentationsereignisse haben gravierende Folgen gehabt für die Destabilisierung der Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst. Das Konzept des "Werkes" und der Begriff des Autors wandelten sich. Die Transformation von Material in Form verändert die Objekte qualitativ und rückt die Ambiguität zwischen dem Ästhetischen und Nicht-Ästhetischen ins Bewußtsein. Fraglich bleibt dabei allerdings, ob dabei das Material nicht gelegentlich auf problematische Weise mit Ausdrucksleistungen befrachtet wird, die es "selbst" schwerlich erbringen kann.

Die sehr früh (u. a. von Peter Gorsens Überlegungen zu einer "hedonistischen Aufklärung") initiierte Diskussion, ob es sich bei den literarischen Materialaktionen um Reflexe einer unreflektierten mimetischen Verfallenheit ans Seiende handelt oder um Praktiken der Aneignung von Dingen durch den Gebrauch ihrer Erscheinungen, um Objekt- und Präsenzmetaphysik oder um eine Empfindlichkeit für die Objektivität des Materials, die Form der Formlosigkeit, die in den Wahrheits- und Formästhetiken vernachlässigt wird, dauert an. Sie ist tatsächlich nur anhand einzelner Werke zu führen.

Programm

Freitag, 07.10.2005

19.30 h  Begrüßung: Gert Mattenklott (Berlin)
20 h Eröffnungsvortrag
Karl Riha (Siegen): Prä-Pop, Pop, Post-Pop

Samstag, 08.10.2005

Sektion 1: Medien und Materialien
Moderation: Dirck Linck
10 h Martin Maurach (Frankfurt/O): Kann man 'Material' hören? Gestalttheoretische Überlegungen am Beispiel einiger Hörtexte von Ferdinand Kriwet
11 h  Holger Schulze (Berlin): Tektonik der Codes. Text Erzählung nach Ferdinand Kriwet
Kaffeepause
12.30 h  Andreas Kramer (London): Schnittpunkt Sprache und Materialität: Texturen deutscher Cut-up-Prosa um 1970
Mittagspause
Moderation: Rainer Falk
15 h Eckhard Schumacher (München): "Die Poesie eines Güterzugs." O-Ton Rolf Dieter Brinkmann
16 h  Jan-Frederik Bandel (Hamburg): selfmade. Typoskriptästhetik, Buchobjekte und Wachsmatrizenkultur
Kaffeepause
Sektion 2: Vom Reiz der Dinge
15-16.15 h Kaspar Maase (Tübingen): reiz der alltagsdinge. zur ästhetisierung der lebenswelt in den nachkriegsjahrzehnten
Pause vor dem Abendprogramm
20 h  Lesung und Künstlergespräch mit Peter O. Chotjewitz.
Moderation: Dirck Linck

Sonntag, 09.10.2005


Fortsetzung der Sektion 1
Moderation: Michael Lüthy
10 h Brigitte Weingart (Bonn): "Once you got Pop, you could never see a sign the same way again." Dinge und Zeichen in Pop-Texten
11 h  Dirck Linck (Berlin): "Liking things": Über ein Motiv des Pop
Kaffeepause
12.15 h  Moritz Baßler (Bremen): Magischer Realismus und Pop
Mittagspause
15 h Diedrich Diederichsen (Stuttgart/Berlin): Krieg und Tabelle – Von Lebenssteigerung und Listenpositivismus
16 h  Benjamin Meyer-Krahmer (Berlin): "… 72, 71, da hab ich oft Zettel nicht wegschmeißen können." Sammeln vs. Formen: Künstlerische Strategien bei Dieter Roth


Die Tagung ist öffentlich, der Eintritt frei.