6. Februar 2007, 20 Uhr, Polittbüro, Steindamm 45, Hamburg St. Georg
Neckermann statt Robespierre
Ein Streifzug durch Hubert Fichtes Tourismusroman "Die Geschichte der Empfindlichkeit"

Mit Jan-Frederik Bandel, Mario Fuhse, Nina Petri und der Percussion-Fraktion von Tuten & Blasen


"Neckermann statt Robespierre" - das war Hubert Fichtes literarischer Gegenentwurf zur Gewaltdebatte der zerfallenden Revolte von "1968". In einer mehrstimmigen Collage aus Texten Fichtes wollen wir - gerade angesichts der zur Zeit laufenden RAF-Debatte - an Fichtes ästhetisches Gegenprogramm erinnern, das in seiner monumentalen "Geschichte der Empfindlichkeit" gipfelte. Begleitet wird das Programm von den Percussionisten der Hamburger Combo Tuten & Blasen.

Vor gut 20 Jahren verlieh die Stadt Hamburg Hubert Fichte posthum den Alexander-Zinn-Preis für sein unvollendet gebliebenes Werk "Die Geschichte der Empfindlichkeit". Im vergangenen Jahr konnte mit dem Erscheinen des letzten Bandes diese auf 19 Bände veranschlagte Geschichte abgeschlossen werden. Dies ist auch ein Anlass, auf ein in der deutschen Literaturgeschichte einzigartiges Projekt zu blicken. Fichtes "Geschichte der Empfindlichkeit" ist eine umfangreiche Reflexion über die durch den Tourismus sich wandelnde Welt. Als Autor beschäftigte er sich, lange bevor es Mode wurde, mit der afro-amerikanischen Kultur, den synkretistischen Religionen, Voodoo etc. Er reiste nach Afrika, Südamerika und in die Karibik um seine Studien voranzutreiben. Immer wieder interessierten Fichte dabei vor allem Rituale und die Abgründe menschlichen Seins. Wann wird ein Mensch zum Folterer? Wie werden Minderheiten in den unterschiedlichen Kulturen behandelt? Letztlich sind es Sprachempfindlichkeiten, denen Fichte stets mit seinem Schreiben nachspürte, und durch seine Sprachempfindlichkeit entstand ein facettenreiches Werk, das formal wie inhaltlich bis heute konkurrenzlos dasteht und immer mehr Beachtung findet.

- Glaubst du nicht, daß eine milde und nicht mehr rückgängig zu machende Zersetzung des Unbewußten eine tiefere Veränderung hervorruft? Ich kann mir die Freiheit, wenn ich ehrlich bin, nur als eine gigantische weltweite Verschwulung vorstellen, sagt Jäcki.
- Dazu haben wir keine Zeit.
- Oder Neckermann statt Robespierre. Der Tourismus als eine universelle Wandzeitung?
- Tourismus! Wenn du nicht bereit bist, Mittel zu benützen, die nicht im System liegen, wirst du das System nicht verändern.
- Sagst du, vom System geprägt, das du verändern willst.

(Hubert Fichte: Detlevs Imitationen 'Grünspan')


Zu den Sprechern:

Jan-Frederik Bandel, geboren 1977, Literaturwissenschaftler und Publizist, Autor mehrerer Bücher über Hubert Fichte.
Mario Fuhse, geboren 1967, Studienrat, Maler und Autor, langjähriger Kenner des Werks von Hubert Fichte.
Nina Petri, geboren 1963, Schauspielerin, Sprecherin und Leiterin der Theaterfabrik Hamburg.

Zur Band:

In den Anfängen war es das Raue, Laute, Schräge und Unverhoffte, das die Musik von
Tuten & Blasen auszeichnete. Ganz abgelegt hat die Gruppe diese Kennzeichen noch immer nicht, aber reduziert und verfeinert.
Heute ist ihre Musik eine ganz eigene Mischung aus Jazz-, Afro- und Latin-Elementen. Volle, warme Bläsersätze von David Byrne, polyrhythmische "Funeral Music" der Ewe aus Ghana, perkussive Samba- und Afoxéklänge aus Brasilien und die afrikanisch inspirierten Kompositionen von Hans Schneidermann bestimmen das Programm der Band. Tuten & Blasen spielt auf Straßen und Plätzen, in Zelten und Konzertsälen - und seit über 10 Jahren auch im Kino: Filmkonzerte zu Stummfilmen aus den 20er Jahren.