Universität Hamburg, Institut für Germanistik II - Sommersemester 2008
Seminar Ib, 52-232 Jan-Frederik Bandel, Andreas Stuhlmann:
Von Hamburg nach Haiti - Hubert Fichtes Prosa
2st. Di 18-20 Uhr, Phil 1373, Beginn: 1.4.

Das Werk des Hamburger Schriftstellers Hubert Fichte (1935-1986) ist in den letzten Jahren intensiv diskutiert worden. Grund war neben den Gedenkfeierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag und 20. Todestag vor allem der Abschluss der insgesamt 17bändigen Nachlassedition seines fragmentarischen Großwerks "Die Geschichte der Empfindlichkeit" (1987-2006). Doch auch in den Debatten um die Bedeutung des Begriffs 'Pop' für die Literaturgeschichtsschreibung, um die anthropologische Wende der Literatur wie der Literaturwissenschaft und um die Wechselwirkungen von Literatur und Ethnografie taucht sein Name immer wieder auf, ebenso im Kontext der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sub- und Jugendkulturen (etwa der Hamburger Bohème der sechziger Jahre oder der homosexuellen Subkultur). Anlass genug für ein Seminar zum Autor, dessen Fragestellungen sich entlang dieser skizzierten jüngeren Rezeptionsgeschichte entwickeln werden.

Entsprechend gliedert sich das Seminar in drei Blöcke, die das Beleuchten verschiedener Kontexte ermöglichen: Am Anfang steht Hubert Fichtes Roman "Die Palette" von 1968, das literarische Porträt einer Hamburger Subkultur Anfang der Sechziger. Dieser Roman spielt eine besondere Rolle im Kontext der Debatten um Popliteratur, ist zugleich aber das erste Buch, in dem Fichte seine besondere Form autobiografischen, richtiger: autofiktionalen Erzählens entwickelt und als Programm präsentiert. Er eignet sich somit zugleich zur Einführung in die Poetik Fichtes, zur Analyse seiner Darstellung von Subkultur und schließlich zur Prüfung der Valenz von Lektüren, die diesen Roman unter dem Begriff 'Pop' klassifizieren. In einem zweiten Block wollen wir an Hand von Beispielen aus dem Band "Wolli Indienfahrer" Fichtes 'Poetik des Interviews' untersuchen. Hier steht das Spannungsverhältnis von dokumentarischem, journalistischem und literarischem Schreiben im Zentrum. Der dritte Block ist der Ethnografie Fichtes gewidmet. Neben seiner kurzen Poetik ethnografischen Schreibens soll das Haiti-Kapitel aus seinem ersten explizit ethnografischen Buch, dem Band "Xango" von 1976 untersucht werden. Im Mittelpunkt wird die genaue Lektüre dieser Beschreibung afroamerikanischer Kultur und Religion stehen, die Nähe, aber auch Differenz dieses Verfahrens zu den 'Writing Culture'-Debatten der frühen Achtziger, ebenso unter Umständen das Verhältnis des Textes etwa zu dem eng damit verzahnten Roman "Versuch über die Pubertät" und den in ihn eingearbeiteten Radiotexten.

Unbedingt anschaffen und einlesen: Hubert Fichte, Die Palette. Frankfurt a.M.: Fischer, 2005. ISBN-10: 3596158532.