20. Januar 2006, 20 Uhr, Elektra Bar, Köln
Palette, Parks, Palais d'Amour
Ein Hubert-Fichte-Subkultur-Abend
Mit Jan-Frederik Bandel, Mario Fuhse und Frank Schablewski
Die Palette: eine Kellerkneipe im Hamburg der späten Fünfziger, frühen Sechziger, in der Dropouts, Schulschwänzer, Ausreißerinnen und Hafenarbeiter, Halbkriminelle und Halbkünstler beisammen saßen, vor allem aber "negative Jugendliche", wie es die zuständigen Behörden nannten, die das Lokal unter die "eindeutig jugendgefährdenden Orte" rechneten. Parks: Orte einer schwulen Subkultur vor der Reform des 175er Paragraphen, der "Unzucht unter Männern" unter Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe stellte, Orte der Initiation, Faszination und der Furcht vor Erpressung, Verrat und Langeweile. Das Palais d'Amour: ein Bordell in Hamburgs "red light district" St. Pauli, in dem der indienfahrende Privatgelehrte, Ex-NVA-Offiziersanwärter und Exilsachse Wolli seine Puffetage betrieb, Schriftsteller, Künstler, Kiezgrößen und Gestalten wie den "Boxprinzen" Norbert Grupe alias Wilhelm von Homburg empfing und von Gewinnbeteiligung "nach dem Modell von Zeiss, Jena", träumte.
Diese Orte sind die Zentren der Subkultur und der Bohème, die der Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte (1935-1986) in Büchern wie "Die Palette", "Detlevs Imitationen ‚Grünspan'", "Versuch über die Pubertät" und "Wolli Indienfahrer" beschrieben und - in aller Ambivalenz - gefeiert hat. Sie waren für ihn Ausdruck des "Zwischen-allen-Stühlen-Sitzens", des "Sich-nicht-Zurechtfindens", des "Ständig-in-Frage-Stellens: nicht den Ödipus-Komplex hinnehmen und nicht die Industrialisierung."
Hubert Fichte, Popautor, Ethnograph, schwuler Großschriftsteller und was der Labels mehr sind, scheint zur Zeit ein Comeback zu erleben: Mit einer Lektürezeremonie, die dialogische Lesung, Kommentar, Dokumente und O-Töne verbindet, widmen sich der Fichte-Forscher Jan-Frederik Bandel, der mit zwei Koautoren gerade das Buch "
Palette revisited. Eine Kneipe und ein Roman" (Edition Nautilus) veröffentlicht hat, der Künstler Mario Fuhse und der Schriftsteller Frank Schablewski dem Werk und Leben Hubert Fichtes, dem sie ein Comeback nachdrücklich wünschen - aber bitte nicht nur in Schulbüchern und bei gepflegtem Schnittchenverdrücken. Und sie lassen Szenen aus Subkulturen sichtbar werden, in denen - wie Martin Büsser in seiner Rezension schreibt - nicht über Bausparverträge geplaudert wurde.

"Es gibt einen Versuch, die ganze Determination, die man durch Schule und Elternhaus bekommt, diese ganzen Werte und Währungsauflagen, zu negieren. Ich erinnere mich an den Satz eines Freundes, der sagte: Wir sind jetzt fünfzehn, wenn wir zehn Jahre lang nichts machen, haben wir immer noch genug Zeit, etwas zu tun. Das ist eigentlich die Hoffnung, auszulöschen, was es an tradierten Auflagen gibt und bei der Stunde null wieder neu anzufangen." (Harun Farocki, Ex-Palettianer)

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Mitwirkende:

Jan-Frederik Bandel, geboren 1977, Literaturwissenschaftler und Publizist, arbeitet an einer Dissertation zu Hubert Fichte, über den er bisher drei Bücher veröffentlicht hat. Er lebt bei Hamburg.

Mario Fuhse, geboren 1967, Studienrat, Maler, Autor, hat sich intensiv mit Hubert Fichtes Werk und Biografie beschäftigt. Er lebt in Hamburg.

Frank Schablewski, geboren 1965, Schriftsteller, hat neben seinen Buchveröffentlichungen als Dichter und Performer mit Tänzern und Choreographen gearbeitet. Er lebt in Düsseldorf.

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Anschließend legen
Olaf Karnik und Ekkehard Ehlers auf.

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Elektra Musikbar

Gereonswall 12-14
50668 Köln

Hubert Fichte bei Wolli,
gezeichnet von Michael Mau
Leo Leowald: Zwarwald 20.1.2006