5. März 2006, 19 Uhr, Pferdestall Bremerhaven
Schafhirte, Kneipengast, reisender Romancier
Hubert Fichte revisited - zum 20. Todestag
Mit Jan-Frederik Bandel und Ralf Schünemann
Sein Roman "Die Palette" wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Dem heißen Hamburger Treffpunkt für boheme-neugierige Oberschüler, Ausreißer, Halbkriminelle und Halbkünstler, für Hafenarbeiter und Seeleute hat er 1968 ein bis heute unvergessenes Denkmal gesetzt. Hubert Fichte war Reporter, Interviewer, Romancier und artistischer Wörterjongleur. Seine Reisen führten nicht nur in die städtische Subkultur mit ihren gefährlich verführerischen Nachtseiten, sein einzigartiges Werk ergibt ein Panorama der Nachkriegs- und Zeitgeschichte, das von Fluchten und Bombenkrieg, vom Drama der Vaterlosigkeit und der Trümmerzeit bis zu Aufbrüchen in die Dritte Welt reicht. Von den frühen Erzählungen bis zu dem unvollendeten Zyklus "Geschichte der Empfindlichkeit" liegt hier der Versuch einer Grenzüberschreitung vor, wie sie kein anderer deutscher Schriftsteller so entschlossen und methodisch gewagt hat.
Sein Blick für das Außenseitertum führte Hubert Fichte von der Verteidigung seiner Homosexualität gegen die Prüderie und Häme der 50-er Jahre ("Versuch über die Pubertät") zur Erforschung von Stammesriten, Naturreligionen und Zauberpsychiatrie in Afrika und Lateinamerika. Mit seiner Reisegefährtin, der Fotografin Leonore Mau, hat er Magie und Geheimwissen synkretistischer Religionen von Brasilien bis Miami in Text und Bild festgehalten ("Xango"). Die Hamburger Deichtorhallen hatten dem Leben und Werk des Künstlerpaars gerade eine große Ausstellung gewidmet.
Hubert Fichte ist am 8. März 1986 im Alter von 50 Jahren gestorben. Anlässlich seines 20. Todestags stellt der Hamburger Fichte-Forscher Jan-Frederik Bandel ("PALETTE revisited - eine Kneipe und ein Roman") den Autor und sein Werk vor, im zweiten Teil des Abends liest Ralf Schünemann, Diplomsprechwissenschaftler aus Halle und schon mehrfach Gast im PFERDESTALL, Hubert Fichtes frühe Erzählung von 1963: "Der Aufbruch nach Turku", in der er auf seine Wandererfahrungen in Schweden zurückgreift, und in der alle seine Themen und Figuren schon aufscheinen: Die Einsamen, die Verwundbaren, die Schwachen, die Randexistenzen.



Pferdestall
Gartenstr.5-7
27568 Bremerhaven